Was man zurzeit über Mastodon wissen muss

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Screenshot Timeline @Johannes@Bonn.social
Screenshot Timeline @Johannes@Bonn.social

Es geht gerade wieder eine Welle durch die Social-Media-Welt. Mastodon ist der Dienst der Stunde. Wir haben unter Bonn.social eine eigene Instanz aufgebaut und möchten nicht nur deshalb einen kurzen Überblick über den Dienst geben.

Was ist Mastodon überhaupt?

Mastodon ist ein Kurznachrichtendienst, der Twitter stark ähnelt. Das heißt, es gibt eine Timeline, in der chronologisch (das Neueste ganz oben) Meldungen von anderen angezeigt werden, man kann andere Menschen mit einem @-Zeichen vorangestellt direkt ansprechen und mit Hashtags Inhalte verschlagworten.

Es gibt aber auch entscheidende Unterschiede.

Dezentrales Netzwerk

Ein comichaftes, elefantenähnliches Tier
Das Mastodon-Maskottchen ist ein Mastodon

Mastodon ist ein dezentrales Netzwerk. Jede/r, die/der ein wenig Ahnung von Servern hat, kann eine Instanz aufsetzen. Zurzeit existieren mehr als eintausend Server weltweit, auf denen Mastodon läuft. Sie vernetzen sich untereinander und ergeben so ein großes ganzes Netzwerk. Das macht unabhängig von einzelnen Anbietern, sorgt aber auch für eine andere Art der Adressierung (siehe unten).

Welche Server gibt es?

Ganz verschiedene, die sich äußerlich auch gar nicht unterscheiden – schließlich läuft überall die gleiche Software. Es gibt dank Nachtschichten von Sascha den Server Bonn.social, aus Berlin kommt toot.berlin, aber diese Ortsgebundenheit ist nur ein Beispiel dafür, wie man eine Instanz benennen kann. Ob und wie Nutzer auf einzelnen Servern thematisch eingegrenzt werden, ist verschieden. Nach meiner Erfahrung können sich auf den meisten Servern alle anmelden, unabhängig von Herkunft oder Interessenlage. (Bei Bonn.social übrigens auch.)

Eine Übersicht über die Server gibt es hier. Es dauert seine Zeit, bis sich Server untereinander verbinden, gerade frische Instanzen haben noch wenige Verbindungen zur Außenwelt. Bei Bonn.social sind es aktuell 233 von rund 1200 Servern weltweit, die bekannt sind.

Wer hat’s erfunden?

Eugen Rochko aus Jena. Trotzdem ist Mastodon erst einmal in Frankreich und Japan steil gegangen, USA und Deutschland holen derzeit jedoch auf. Eugen wollte eine Alternative zu Twitter und hat einfach mal gemacht.

Wie spricht man andere Mastodon-Nutzer an?

Wie von Twitter und anderen Netzwerken gewohnt, mit einem vorangestellten @, also in meinem Beispiel @Johannes. Das geht aber nur gut, solange man Nutzer auf dem gleichen Server anspricht. Nutzer anderer Instanzen adressiert man – wie von E-Mails gewohnt – mit dem Servernamen, getrennt durch ein weiteres @-Zeichen, in meinem Beispiel also: @Johannes@bonn.social. Es ist eigentlich ziemlich einfach.

Ein Vorteil der Dezentralität ist, dass man seinen Lieblingsnutzernamen mit hoher Wahrscheinlichkeit noch auf irgendeinem Server weltweit erhalten kann. Wenn man darauf Wert legt.

Was muss ich beim Schreiben eines Beitrags (Toot) beachten?

Zeichenbegrenzung: Die liegt aber nicht wie bei Twitter bei 140, sondern bei luxuriösen 500 Zeichen. Ein Toot (also ein Beitrag) kann auch ein Bild enthalten, weitere Medienformate aber (noch) nicht.

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Privatsphäreeinstellungen bei Mastodon

Privatsphäreeinstellungen: Es gibt insgesamt vier verschiedene Möglichkeiten, die Sichtbarkeit eines Toots einzustellen:

  1. Public: Für alle sichtbar in allen Timelines.
  2. Unlisted: Der Toot ist immer noch öffentlich und für alle sichtbar, wird aber nicht in die öffentlichen Timelines aufgenommen. Wer den Inhalt sehen will, muss entweder direkt auf das Profil gehen, mit @ angesprochen worden sein oder einem Hashtag folgen.
  3. Private: Ist nicht so privat, wie es klingt, aber den Toot können nur die sehen, die mit @ angesprochen wurden und die, die einem auf der eigenen Instanz folgen.
  4. Direct: Das sind Direktnachrichten, es können also nur die den Toot sehen, die dort mit @ angesprochen wurden.

Content Warning: Ein nettes Gimmick ist das „Content Warning“. Man kann Inhalte verstecken und mit einer Warnaufschrift versehen. Sinnvoll zum Beispiel, wenn man über das Ende einer Serie schreibt („Achtung, Spoiler über Game of Thrones!“) oder verhindern möchte, dass Nackedei-Inhalt auf Arbeitsrechnern auftaucht („NSFW“), wobei Bonn.social natürlich vollkommen frei von derartigen Inhalten ist. Noch.

Links ein Beitrag: "Hier kommt was Geheimes!", darunter "Show more". Rechts der gleiche Beitrag nach Klick, es taucht ein Text auf: "Doch nicht."
Content Warning – vorher (links) und nachher (rechts)

Wie ist das mit den Timelines?

Es gibt nicht nur eine Timeline, sondern drei:

  1. Home: Vergleichbar mit der Timeline bei Twitter oder Facebook (allerdings ohne algorithmische Sortierung und Auswahl, sondern rein chronologisch). Hier tauchen alle Toots der Leute auf, denen man folgt.
  2. Local: Die Timeline mit allen Toots (bis auf unlisted und private, siehe oben) auf dem „Heimserver“, zum Beispiel also alle Beiträge der Bewohner von Bonn.social. Sehr hilfreich, um neue Leute zu finden, denen man folgen will.
  3. Federated: Hier sind Toots aller bekannten Server aufgelistet, da ist also ganz schön was los, wenn sich der Heimserver mit der Welt verbunden hat. Da Mastodon in Frankreich und Japan sehr beliebt ist, gehen deutsche Inhalte derzeit noch ein wenig unter.

Gibt es auch Listen oder andere Möglichkeiten, die Timeline zu organisieren?

Listen oder ähnliche Funktionen, um User zu gruppieren, gibt es (noch) nicht. Theoretisch kann man ein wenig über die Serverzugehörigkeit regeln, aber das ist weder praktisch, noch in der Realität umsetzbar. Wer sich mit regulären Ausdrücken auskennt, kann seine Timelines damit beeinflussen.

Gibt es auch Apps?

Keine offiziellen, weil ja alles Open Source ist. Dafür basteln Fans schöne Apps. Empfehlen kann ich zurzeit Amaroq für iOS und Tusky für Android-Telefone.

Wie sind die Zukunftsaussichten?

Nun, es hat schon andere Bestrebungen gegeben, sich von den großen Netzwerken abzusetzen und irgendwo neu zu starten. Ello oder Peach waren Beispiele, die kurz einem Hype unterlagen und mittlerweile nur noch kleine Gruppen interessieren. Mit App.net hat es lange Zeit sogar eine recht erfolgreiche Twitter-Alternative gegeben, die werbefrei als Abomodell aufgebaut war – und sich trotzdem nicht nachhaltig finanzieren konnte. Auch der dezentrale Ansatz ist nicht neu, aber wann hat man zuletzt etwas von Diaspora gehört?

Neue Netzwerke haben es immer schwerer, gegen die etablierten zu bestehen. Es gibt im Grunde stets zwei wesentliche Hürden: Die langfristige Finanzierung und Bequemlichkeit der Nutzer. Bei Mastodon spielt das Geld durch die Dezentralität nur eine untergeordnete Rolle, aber genau die ist auch eine Gefahr: Wer sich auf einen Serveranbieter wie Bonn.social verlässt, muss damit leben, dass mal Daten verloren gehen (räusper) oder der Dienst einfach eingestellt wird.

Die Bequemlichkeit ist ein noch viel stärkerer Faktor, der den langfristigen Erfolg von Mastodon verhindern kann. Neue Follower aufbauen, die vergleichsweise umständliche Adressierung von Usern und außerdem die derzeit noch eingeschränkte Funktionalität – alles Dinge, die einen raschen Wechsel unwahrscheinlich machen.

Mir alles egal, ich will das jetzt ausprobieren!

Ja super, dann los! Registriere dich bei Bonn.social, sieh dir die lokale Timeline an und lege los!

13 KOMMENTARE

  1. Ich habe bei der Registrierung ja wahllos irgendein Network angeklickt. Ist das von Belang? Hat das irgendwelche Nachteile?

  2. Hi Johannes,

    wir müssen mittelfristig wegkommen von Facebook, Twitter und den ganzen anderen Plattform-Monopolisten. Wegen Datenschutz, wegen Datensparsamkeit und wegen der zunehmenden ökonomischen Polarisierung.

    Für mich heißt das konkret: sobald es irgendeine Art von “Premium-Mitgliedschaft” bei Euch gibt (besserer Client/Mobilclient, Möglichkeit auch Videos etc. zu posten) bin ich dabei: 5 Euro im Monat wäre es mir wert, mich von den großen Plattformen loszulösen. Weitere Einnahmen könnten die Instanzen generieren, indem sie als Reseller von Netflix, Amazon-Prime-Video etc. auftreten. Alle Videotheken aus einer Hand von der jeweiligen Mastodon-Instanz. Pay-per-View. Das gleiche für anspruchsvolle journalistische Inhalte. Die Zeitungen/Medien wären heilfroh, alternative Distributoren zu haben – und nicht in den Klauen der Giganten ewig steckenzubleiben.

    • Hallo Frank, das ehrt dich, aber der ganze Mastodon-Ansatz beruht auf Nichtkommerzialität. Schwierig, darauf ein Bezahlmodell aufzubauen. Und die Erfahrung zeigt, dass Netzwerke nicht unbedingt profitieren, wenn Geld ins Spiel kommt. Bin aber gespannt, wie es mit Mastodon weitergeht. Videos werden bestimmt bald gehen, glaube ich.

  3. … und identi.ca nicht zu vergessen. Der Gründer kam einst nach Hamburg zum ersten und letzten Microblogging Camp. Alle längst vergessen. Twitter kämpft. Ach …

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