Dike: 10 Gründe, warum man Nachbarn nicht zu Spionen machen sollte

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Am 7.3.2017 startet in Bonn die Testphase für die neue Sicherheits-App “Dike”. Sie soll laut Aussage der Hersteller dafür sorgen, dass man sich sicherer fühlt, indem man Meldungen über Vorkommnisse und Beobachtungen macht. Warum man das sichere Gefühl hinterfragen sollte, durfte ich als Studiogast in der Lokalzeit Bonn erzählen.

Sicherheits-App

In der Bonn wird derzeit eine neue Sicherheits-App getestet. "Dike" heisst sie und über sie kann man alles melden, was einem gerade passiert ist oder nur verdächtig vorkommt. Vom Einbruch bis zum unbekannten Spaziergänger. Warnen und gewarnt werden in der Nachbarschaft. Ist so eine App nützlich oder nur unnötig beunruhigend? Was meint ihr?

Posted by WDR Lokalzeit aus Bonn on Dienstag, 7. März 2017

Dike ist eine eine neue App, die für mehr Sicherheit sorgen soll. User können Meldungen machen, von geklauten Fahrrädern und entlaufenen Katzen bis hin zu “auffälligem Beobachtungen.” Diese werden dann auf einer Karte meiner Nachbarschaft dargestellt. Die Theorie dahinter sieht so aus:

“Durch das Teilen auffälliger Beobachtungen steigt die Wachsamkeit und dadurch die Sicherheit in deiner Umgebung. Das Prinzip ist einfach – je mehr Menschen mitmachen,  desto besser wird deine Nachbarschaft geschützt! Und du kannst dich in Zukunft sicherer fühlen.“

“Gefühlte Sicherheit” ist aber keine echte Sicherheit. Also schauen wir mal, wie die App mich tatsächlich schützt, bzw. meine gefühlte Sicherheit verändert.

  1. Bei akuten Gefahrensituationen und Beobachtungen von Straftaten sollte man sofort die Polizei oder die Feuerwehr informieren, zum Beispiel über die Online-Anzeige  und nicht eine App eines Drittanbieters starten, der keinen Kontakt zur Polizei hat, außer die Meldungen darzustellen. Netterweise weist die App selbst sogar darauf hin.
  2. Es gibt Apps, die auch die Polizei oder Feuerwehr benachrichtigungen, wenn ich zum Beispiel aus Angst nicht telefonieren kann. Die App heißt InstantHelp und kommt aus Bonn. Dort werden meine Positionsdaten direkt an Feuwerwehr und Polizei übertragen, wenn ich das möchte. (Auch wenn das eine große Herausforderung ist, weil die Technik dort oft total veraltet ist). Oder ich kann mir mit der App Hilfe von Ersthelfern in der Nähe organisieren: http://instanthelp-app.de.
  3. Die Polizei und die Behörden warnen bereits z.B. über Sirenen, mit der offiziellen App namens KATWARN, und zum Beispiel twittert die Polizei Bonn, vor allem bei Events und akuten Gefahren. Wie wird garantiert, dass ich den Meldungen meiner Nachbarn vertrauen kann?
  4. Wer überprüft, wenn ein Nachbar Falschmeldungen einstellt? Oder jemand fälschlicherweise der Belästigung bezichtigt wird? Die Anbieter sagen dazu:

    „Aktuell findet keine automatische Überprüfung der veröffentlichten Meldungen statt“

  5. Die Nutzer bleiben anonym, müssen nur eine (verschleierbare) E-Mail-Adresse hinterlegen und können so kaum für Falschmeldungen belangt  werden.
  6. Was passiert, wenn mich jemand fotografiert, ich aber gerade betrunken auf dem Heimweg war und laut gesungen habe? Und mein Arbeitgeber sieht mich in der App? Ich finde durch eine solch mögliche Veröffentlichung werden meine Bildrechte und Persönlichkeitsrechte verletzt! Und vielleicht verliert man deswegen seinen Job. Wie garantiert die App, dass solche Bilder nicht veröffentlicht werden? Kurz: gar nicht.
  7. Was ist das Geschäftsmodell der App?  Womit verdient der Anbieter sein Geld? Was passiert mit diesen Daten? All das bleibt offen, auch wenn der Anbieter in den FAQs sagt: Die Nutzerdaten werden nicht weitergegeben. Und es soll Premiumdienste geben. Wenn ein Benutzer nicht für eine App bezahlt, dann bezahlt er meist mit seinen Daten, ganz einfach. Und die werden wohl am interessantesten für Versicherungen und andere risikoliebende Firmen interessant sein, da reicht auch die gesammelte Form, die nicht auf einzelne Personen zurückführbar ist; es müssen also gar keine Nutzerdaten weitergegeben werden. Aber dann würde die KfZ-Versicherung in meiner Straße plötzlich teurer, weil ich einen hypernervösen Nachbar habe.
  8. Crowdsourcing und Crowdfunding ist ein schönes Prinzip, so kann jeder jedem helfen. Aber funktioniert das auch mit Sicherheit? Oder heißt “Crowdsourced Security” nur, dass wir jetzt uns gegenseitig zu überwachen anfangen? Muss jetzt jeder ein bisschen Detektiv oder sogar Stasi spielen, damit wir sicherer sind? Und kann auch jeder die Verantwortung tragen, die ein Polizist trägst? Als Beispiel: Fahndungsbilder sollte nur die Polizei herausgeben, die darüber entscheidet, welches Recht und Gut im Einzelfall mehr wiegt. Das ist nicht die Entscheidung des Nachbarn, der vielleicht jemanden mit seinem Kind fangen spielen sieht und schlimmeres vermutet.
  9. Stimmt überhaupt die These, dass wir mit dieser App uns sicherer fühlen? (Keiner der App-Entwickler hat ja behauptet, dass wir mit der App tatsächlich sicherer leben). Oder werden wir durch die Darstellung von “Verunsicherung” auf einer Karte nicht eher verängstigt und unfreier? Meinem Eindruck nach wird die Risikowahrnehmung durch die App eher verstärkt. Wir vergessen, welche Gefahr es ist, wenn wir mit 200km/h über die Autobahn brettert, aber ängstigen uns in der Nachbarschaft wegen zahlreicher rot-warnender Fähnchen in einer App? Die App schafft so eher ein Gefühl der Verunsicherung. Wie sähe wohl eine App aus mit grünen Fähnchen: Heute ist hier nichts passiert. Ganz einfach: völlig langweiliger Alltag in Bonn, einem der friedlichsten (und bald ruhigsten) Plätze der Welt.
  10. Diese Verunsicherung hat natürlich Implikationen: Politisch, psychisch und in Fragen der Privatsphäre und des Datenschutzes. Dabei wäre es sehr interessant die Wirkung der App auch wissenschaftlich zu untersuchen, um festzustellen, wie die Wirkungen und die Nebenwirkungen tatsächlich aussehen.

Ich fühle mich in Bonn auch jetzt schon sicher, ganz ohne App. Aber wenn, würde ich lieber eine App nutzen, bei der die Behörden Herr der Daten bleiben. Aber dafür müssten die Behörden sich auch digitaler aufstellen und Ressourcen dafür haben.

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